13. Juni 2022

Offener Brief an die Kuratorinnen und Kuratoren

zur von Ministerpräsident Söder avisierten „Denkpause“

Liebe Kuratorinnen, liebe Kuratoren,

wir wenden uns mit diesem Schreiben an Sie, um unsere Sicht zur von Ministerpräsident Söder avisierten „Denkpause“ bei der Errichtung des neuen Konzerthauses darzustellen:

• Seit 2007 haben drei bayerische Ministerpräsidenten, mehrere bayerische Minister und Chefs der Staatskanzlei zahlreiche, eindeutige Statements zur Errichtung eines neuen Konzerthauses in München abgegeben. Es wurde sowohl als Jahrhundert- als auch als Leuchtturmprojekt für Bayern bezeichnet mit epochalem Charakter, von einem Konzertsaal der Weltklasse war die Rede.

• Viele Jahre wurde nach einem Standort für das neue Konzerthaus gesucht. Insgesamt waren über 30 denkbare Örtlichkeiten im Gespräch. 2016 legte sich die bayerische Staatsregierung auf eine Fläche im Werksviertel – im Osten von München – fest. Von einer dem Finanzministerium – unter Leitung des Finanzministers Söder – unterstellten Gesellschaft des Freistaats Bayern wurde ein Erbpachtvertrag mit dem Erbpachtgeber abgeschlossen, der eine Bauverpflichtung des Freistaats Bayern enthält zur Errichtung eines Konzerthauses auf der Erbpachtfläche. Der Erbpachtvertrag kann erstmals nach 88 Jahren vom Freistaat Bayern gekündigt werden. Seit 2016 zahlt der Freistaat Bayern jährlich rund 600.000 Euro an den Erbpachtgeber. Die indexierten Zahlungsverpflichtungen des Freistaats Bayern für die gesamte vertraglich festgelegte Laufzeit belaufen sich somit auf rund 60 Millionen Euro.

• Auf die Frage, ob auch im Zeichen von Corona viel Geld für ein Konzerthaus ausgegeben werden dürfe, bekräftigte geradezu mit Entschiedenheit Ministerpräsident Söder in einem Interview im Juni 2020 mit TV München: „Auch in schwierigen Zeiten“ sei „ein Bekenntnis zu Werten und Kultur erforderlich“. Er sehe deshalb „keinen Anlass, den Konzertsaal abzuschreiben“, zumal es sich um die Errichtung „eines Konzerthauses“ handle, das einen „viel breiteren Aspekt“ habe. Er empfände es „als schweren Rückschritt …… nichts für Kultur anzubieten“ und zum Angebot gehöre vor allem „das Konzerthaus als Leuchtturm“.

• Noch im Juli 2021 – Corona wütet bereits seit eineinhalb Jahren und die Isarphilharmonie ist nahezu fertiggestellt – beschloss der Haushaltsauschuss des Bayerischen Landtags die vertiefte Planung des neuen Konzerthauses. Dies führte zum Abschluss weiterer, hohe Kosten auslösende Verträge.

• Noch im Dezember 2021 – Corona hält das Land noch immer gefangen – wird im Kunst- und Wissenschaftsministerium eine neue Vollzeitstelle eingerichtet für die Koordination der Öffentlichkeitsarbeit und des Marketings des Konzerthauses.

• Über 100 hochqualifizierte Personen in Ministerien und Ämtern und 30 Firmen sind seit Planungsbeginn mit der Planung des neuen Konzerthauses befasst. Die Planung befindet sich bereits in der Feinjustierung und hat bis jetzt etwa 27 Millionen Euro Kosten verursacht.

Im Vertrauen auf die politischen Zusagen, wurde „unsere“ Stiftung Neues Konzerthaus München auf ausdrücklichen Wunsch der Staatsregierung zur ideellen und wirtschaftlichen Einbindung der Bürgerschaft gegründet.

Im Vertrauen auf die Verlässlichkeit der höchsten Repräsentanten des Freistaats schloss die Stiftung mit dem Freistaat Bayern einen Vertrag. Danach ist die Stiftung offizieller, privilegierter Partner des Freistaats Bayern für die Spendensammlung zu Gunsten des Baus und der Ausstattung des neuen Konzerthauses.

Im Vertrauen auf die Beschlüsse der maßgebenden Entscheidungsträger hat die Stiftung schon jetzt – obwohl die offizielle Spendenwerbung erst nach Vollendung der Planung beginnen soll – rund 5 Millionen Euro an Spenden und notariell beurkundeten Spendenzusagen eingesammelt, von Spendern, die auf Versprechen der bayerischen Staatsregierung bauten.

Obwohl Partner des Freistaats Bayern, hat den Vorstand der Stiftung Neues Konzerthaus München die Kehrtwende von Ministerpräsident Söder, jetzt „innezuhalten und uns selbst eine Denkpause“ zu geben, durch sein Interview in der Süddeutschen Zeitung (SZ) ohne jede Vorankündigung und auch seither ohne jedes erläuternde Gespräch erreicht. Das macht uns fassungslos.

Die Erforderlichkeit einer Denkpause jetzt würde nur den Schluss zulassen, dass in den letzten 15 Jahren der Entwicklung des neuen Konzerthauses und in den einzelnen Planungsstufen von der Politik nicht ausreichend nachgedacht wurde über Größe und Finanzierbarkeit des Projekts, insbesondere unter Einbeziehung möglicher wirtschaftlicher Veränderungen. Aufgrund fehlender Vorausschau der Politik wären – folgte man dem Ministerpräsidenten – ohne ausreichendes Nachdenken Millionen Euro für die Planung und die Erbpacht bewilligt worden. Dann wäre dies ein Fall für den Bayerischen Obersten Rechnungshof!

Allerdings stehen wir mit unserer Erschütterung nicht allein. Selbst die am engsten in das Projekt Eingebundenen in Ministerien und Bauämtern wurden ebenso vollständig unvorbereitet mit der „Denkpause“ konfrontiert.

Dabei darf dem Ministerpräsidenten versichert werden, dass von vielen politischen Mandatsträgern, den zuständigen Beamten in den Ministerien und den Bauämtern, den Experten in der Kultur- und Musikszene wie auch in der Veranstaltungsbranche, von vielen weiteren ausgewiesenen Fachleuten und auch von den Gremien der Stiftung in den letzten Jahren gründlich nachgedacht und umsichtig gearbeitet wurde.

Gerade deshalb entwickelte sich das neue Konzerthaus zu einem „Langzeitprojekt für kommende Generationen mit klarer inhaltlicher Vision“. In ihm wird „die künstlerische Exzellenz des BR-Symphonieorchesters mit der jungen Musikszene, mit innovativen Kunstformen und mit der Breitenkultur zusammenkommen als Impulsgeber für ganz Bayern“ (so Prof. Redmann, Präsident der Hochschule für Musik und Theater).

Das neue Konzerthaus wird das erste Konzerthaus weltweit sein, das vollkommen auf das Zeitalter der Digitalisierung ausgerichtet ist. Aus ihm werden z. B. Übertragungen von Musikunterricht in bayerische Schulen möglich sein oder es wird Tonstudios für Verfahren der Postproduktion geben, also Verfahren für professionelle Aufzeichnungen auf Tonträgern und für das Netz. Das Symphonieorchester des BR wird mit einer solch innovativen Spielstätte für weltweite Aufmerksamkeit sorgen, die ganz Bayern zugute kommt. Für die Musikhochschule wird das neue Konzerthaus der Gestaltungsort für experimentelle und innovative Kunstformen sein.

Dies sind nur einige der zahlreichen, visionären Möglichkeiten, die sich durch das neue Konzerthaus für Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus allen Schichten der Gesellschaft ergeben. Als „Haus der Musik“ (so die SZ) und der Musikvermittlung wird es eine Vorreiterrolle einnehmen, „das durch den Einsatz der verbauten Technologie für Bayern einen Zugewinn an Know-how“(so weiter die SZ) bedeuten wird. Das Konzerthaus ist damit weit mehr als ein bloßer Konzertsaal und trägt daher den Namen Konzerthaus zu Recht.

Die direkte Anbindung an den Schienenverkehr von Fernzügen und S-Bahn und die schnelle Erreichbarkeit des Autobahnnetzes wird dem neuen Konzerthaus eine ganz besondere Triebkraft geben, die eine nachhaltige Wertschöpfung für die Stadt München und das Land Bayern bedeuten. Das neue Konzerthaus wird eine einzigartige Gestalt haben, vor allem aber glänzen durch seinen Inhalt!

Nach zahlreichen Gesprächen in unserem Netzwerk hat sich bei uns der Eindruck gebildet, dass der Ministerpräsident derzeit entschlossen ist, das in der Endphase der Planung befindliche Konzerthaus bestenfalls so nicht zu bauen, eher aber es überhaupt nicht zu bauen. Er würde somit eine großartige Chance für die Musikstadt München und das Musikland Bayern zunichtemachten.

Dieser Eindruck hat sich auch durch den Auftritt von Wissenschaftsminister Blume bei der SZ-Veranstaltung „Braucht München ein neues Konzerthaus?“ bestätigt, der auf kein Argument des präzise fragenden Diskussionsteilnehmers und Mitglieds des Stiftungsvorstands, Ulrich Wilhelm, einging und das „Nachdenken“ pauschal mit Corona und dem Krieg in der Ukraine begründete. Vor allem wurde nicht deutlich, über was nachgedacht werden soll, zumal „einfach Kleinsparen“ … „der großen Idee nicht gerecht“ würde, postulierte noch vor wenigen Wochen Ministerpräsident Söder höchstpersönlich.

Dabei ist gerade die Errichtung des Konzerthauses das „Symbol einer selbstbewussten Gesellschaft, die auch in der Krise an die Zukunft glaubt“ (so Prof. Redmann). Dies zeigt sich auch an zahlreichen Beispielen in der Vergangenheit, wie der Wiederaufbau des kriegszerstörten Nationaltheaters und der kriegszerstörten Münchner Residenz, um nur einige zu nennen.

Und geradezu grotesk wird es, wenn der Ministerpräsident abhebt auf eine denkbare Doppelbespielung des Gasteigs durch die Münchner Philharmoniker und das Symphonieorchester des BR. Diesen alten Hut wieder hervorzuholen, verdeutlicht ein unerklärbares Informationsdefizit und einen signifikanten Mangel an Argumenten: Die Idee eines neuen Konzertsaals entstand doch gerade auch aus dem Dilemma der Doppelbespielung des Gasteigs durch beide Weltklasse- Orchester. Obwohl die Doppelbespielung schon durch ein Gutachten als höchst untauglich dokumentiert war, trat Ministerpräsident Seehofer seinerzeit mit der Idee der Doppelbespielung in die Öffentlichkeit. Er begab sich aber schnell wieder auf den Rückzug, als auch ein weiteres, diesmal vom Freistaat Bayern selbst beauftragtes Gutachten eine Doppelbespielung durch beide Orchester als nicht zu empfehlen bezeichnete.

Daran ändert auch die Eröffnung der Isarphilharmonie nichts. Die Isarphilharmonie ist eine gelungene und respektable Ausweichspielstätte für die Übergangszeit des vermutlich zehn Jahre dauernden Erneuerungsprozesses des Gasteigs. Als solche wurde sie – und gerade deshalb – mit höchst überschaubaren Kosten errichtet. Aber es bleibt ein Provisorium mit schwierigen Verkehrsanbindungen, sonst bedürfte es auch nicht der Erneuerung des Gasteigs für viele hunderte Millionen Euro.

Das neue Konzerthaus wurde hingegen als ein Generationen übergreifendes Jahrhundertprojekt konzipiert, nämlich als ein Musik-Kulturzentrum für Stadt und Land.

Wir empfinden das Vorgehen des Ministerpräsidenten als höchst befremdlich. Jede weitere Verzögerung des Projekts bedeutet eine kolossale Kostensteigerung. Es sei daran erinnert, dass Ministerpräsident Seehofer noch während seiner Amtszeit bis 2018 den ersten Spatenstich für das Konzerthaus selbst vornehmen wollte. Hätte man damals bereits mit dem Bau begonnen, wären die ursprünglich geschätzten Kosten von 400 Millionen Euro nicht völlig unrealistisch gewesen. Man muss also nur lange genug warten, bis die Prognose des Ministerpräsidenten zutrifft, dass das neue Konzerthaus „1 Milliarde“ kosten würde. Übrigens liegt die letzte  Kostenschätzung für den Bau aus dem Jahr 2021 bei 580 Millionen Euro. Aber für die Stimmungsmache eignet sich 1 Milliarde natürlich besser.

Wir wollen und werden diese irrlichternden Meinungsschwankungen der Politik und ihr Einknicken bei Gegenwind nicht hinnehmen. Wir fordern auf zu Vorstellungskraft, Weitsicht, Ambition, Mut, Rückgrat und Durchsetzungswillen. Dafür werden wir uns einsetzen und bitten Sie alle sehr herzlich um Ihre nachhaltige Unterstützung, damit in Bayern nicht der Stillstand obsiegt, sondern die visionäre Prosperität.

Mit besten Grüßen
Ihre

Georg Randlkofer
Vorsitzender der Vorstands

Hans Robert Röthel
Stellv. Vorsitzender der Vorstands